Harz-Geschichten: Unachtsamkeit als neuer Trend

Seit gut eineinhalb Jahren sind wir nun im Harz. Wir, das sind mein Mann Olaf und ich. Der Harz, das ist der Rand des Südharzes, um ganz genau zu sein. Vielleicht war es ein kreatives Einleben, ein schreibendes Entdecken – jedenfalls hat der Harz Olaf direkt inspiriert. Und in diesen eineinhalb Jahren sind einige witzige und sehr kluge Kurzgeschichten entstanden – mit ausgesprochen witzigen und originellen Charakteren, allen voran Tobi. Die Geschichten sind bisher unveröffentlicht und sollen an dieser Stelle in lockerer Folge erscheinen. Allen Lesern viel Vergnügen! Kommentare und Feedback sind sehr willkommen.

Borkenkäfer

Ich faltete den Harz-Kurier zusammen und drehte mich nach Tobi um. „Der Borkenkäfer rückt näher“, rief ich ihm zu. Er hantierte im hinteren Teil des Wohnzimmers mit einem großen Bücherstapel.

Die Wand einer Schutzhütte im Harz: Tobi war offensichtlich hier.

Als er seinen Buchladen hatte schließen müssen, hatte er Unmengen von Büchern mitgenommen, die sich jetzt im Wohnzimmer, in einem der leeren Schlafzimmer, in einer Vorratskammer und ich weiß nicht wo stapelten.

„Das ist ja spannend“, rief er zurück, während er einen dicken Stapel vorsichtig zu Boden ließ, „Und was gedenkst du, dagegen zu tun?“ „Äh? Nichts. Was soll ich dagegen tun? Die Käfer einzeln einsammeln?“ „Zum Beispiel. Aber wenn du nichts tun kannst, wie hilfreich war dann diese Information für dich? Auf einer Skala von eins bis zehn wobei zehn für ‚total wichtig‘ steht und eins für ‚völlig irrelevant‘?“

„Naja“, gab ich zurück, „eher eine drei oder so. Wieso fragst du? Und was genau machst du da eigentlich?“ „Es geht um Wichtigkeit. Und Unwichtigkeit. Ich arbeite gerade an einem Unachtsamkeitstraining. Da muss man das unterscheiden können.“

Er hatte sich in den Sessel gesetzt, umgeben von zwei hohen Bücherstapeln und hatte gerade ein Buch des antiken Philosophen Seneca in der Hand.
„Unachtsamkeit? Wird heutzutage nicht eher Achtsamkeit trainiert?“ „Genau!“ Kunstpause. „Und das ist der große Fehler. Wir achten viel zu sehr. Auf alles und damit auf ganz viele Dinge, die es nicht wert sind. Oder die zu ignorieren sogar besser wäre.“

Er bemerkte meine Irritation. Ich glotzte ihn an und registrierte gleichzeitig durch den Blick aus dem Fenster, wie ein gigantischer SUV auf der unbefestigten Straße vor dem Grundstück hielt.

„Ich gebe dir ein Beispiel: Es ist doch kein Zufall, dass wir in derselben Zeit, in der überall Achtsamkeit trainiert wird, Phänomene erleben wie Helikoptereltern, allgegenwärtige Allergien und veganes Bier. Ignoranz heißt dagegen, Dingen gar nicht erst die Relevanz zu geben, aufgrund derer man sie später wieder verarbeiten muss.“

Der SUV hatte einen ebenso gigantischen Gepäckträger, auf dem drei Fahrräder aufmontiert waren. Ein Mann mit bunter Glitzerkluft mit einer Schutzbrille stieg aus und begann, die Fahrräder abzunehmen. Die Schutzbrille mit gelben Gläsern gab ihm etwas Insektenhaftes, wie ein Wesen, das in einem Tele-5-Film mitspielt. Vielleicht gefährlich, vielleicht aber auch harmlos. Jetzt stieg eine Frau aus, auch sie in bunter Kluft. Sie hatte ihre langen blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Sie nahm eines der Fahrräder.

„Ich bin noch nicht ganz sicher“, setzte ich an, „das Konzept hat sicher einen gewissen Reiz. Aber was ist mit dem amerikanischen Präsidenten? Der Mann ignoriert so viel – ist das die höchste Stufe der Weisheit?“

Währenddessen stieg hinten ein kleines Mädchen aus dem Auto und auf das dritte der Mountainbikes. Die Eltern nahmen es in die Mitte, sie fuhren los.

„Daran arbeite ich noch“, antwortete Tobi. „Man muss Ignoranz begrifflich unterscheiden von Dummheit. Oder Unwissen.“ „Oder mangelnder Bildung“, ergänzte ich. „Oder Verblendung“, setzte er fort und blickte dabei nach draußen, wo eine Reihe von Gleitschirmfliegern über dem Bergrücken kreiste. „Ignoranz ist nicht gleich Ignoranz.“

„Woran erkenne ich denn die richtige Ignoranz“, fragte ich. „Und übrigens: Nenn sie am besten `Smart Ignorance` – das verkauft sich auch. Über die Tantiemen müssen wir natürlich verhandeln.“ „Ich würde vorerst gern bei dem Wort Unachtsamkeit bleiben. Die alten Weisheitslehren enthalten viele Hinweise, wie man zu einer höheren, erleuchteten Form der Unachtsamkeit kommen kann. Für Einsteiger ist immer die Frage hilfreich: Ist es wichtig für mich? Und wenn ja: Kann ich es beeinflussen? Ich denke, das liegt auf der Hand: Das Wetter mag wichtig für mich sein – beeinflussen kann ich es nicht. Nur die richtigen Klamotten anziehen.“

Neben den Gleitschirmen hatte ein Flugzeug eine weitere Reihe Punkte ausgestoßen, die sich in der Luft formierte. Es waren Fallschirmspringer, die einen Kreis in der Luft bildeten. Ich glotzte auch nach oben.

„Echte, erleuchtete Unachtsamkeit beginnt aber viel früher. Sie beginnt dabei, dass du langsam wirst. Am besten wartet man bei jedem Ereignis ab, ob noch etwas kommt.“ Während Tob dozierte, stürzten die Springer und bildeten jetzt zwei miteinander verbundene Kreise.

„Sehr wichtig auch: Wertungen: Am besten überhören. Wenn man sie hört: Ist die Wertung für mich wichtig? Wenn ja, stimme ich ihr überhaupt zu? Ach, es gibt so viel dazu zu sagen. Die höchste Stufe ist es natürlich, auch nichts mehr zu tun.“ Er seufzte. Ich blickte auf die Küchenzeile und verkniff mir die Anmerkung, dass er schon weit auf dem Weg zur Unachtsamkeit vorangekommen war.

Wir schwiegen einen Moment ergriffen. Dann machte Tobi einen Schritt voran und stieß gegen den Couchtisch. Er rief laut: „Scheiße!“ Der große Platon-Prachtband rutschte vom Stapel und fiel ihm mit einer Ecke auf den anderen Fuß. Tobi hüpfte von einem Fuß auf den anderen und fluchte. Ich sagte: „Ich glaube, der Weg zur Weisheit ist doch …“, aber bevor ich den Satz vollenden konnte, rumpelte es auf dem Dach. Ich ging hinaus, Tobi hüpfte hinterher und murmelte leise Kraftausdrücke, die nicht aus seinen Büchern kamen.

Auf dem Dach hing schräg ein Mensch in einem grellbunt-glänzenden Ganzkörper-Anzug. Er trug einen Helm und hatte einen Fallschirm, mit dem er jetzt auf dem Dach festhing. Langsam rutschte er die Dachschräge hinunter und blieb an der Regenrinne mit seinen Leinen hängen. Er schaute sich um und jammerte: „Hallo, kann mir jemand helfen? Ist da jemand? Warum beachtet mich denn keiner?“

Auf dem Weg kam gerade die Biker-Familie aus dem Wald zurück, die Fahrräder schiebend. Das Kind plärrte. Ich ging hinein und holte etwas zu trinken für Tobi und mich.

2 comments on “Harz-Geschichten: Unachtsamkeit als neuer Trend

  1. Herrlich witziger und zeitgemäßer Gedankenanstoß!
    Zeigt auf seine Art in was für ein Dilemma wir uns heute befinden.
    Mehr davon!

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