Harz-Geschichten: Weihnachten im Harz

Eine Woche vor Heiligabend sagte Tobias, wir könnten ja auch einen Weihnachtsbaum schmücken. Ich fragte ihn, wie er das meinte und er sagte, dass wir doch die alte Fichte nehmen könnten, die direkt an der Terrasse steht.

Weihnachten im Harz. Was noch fehlt: Punk.

Es war Abend, ich war von meinem Job im Zentrallager zurück. Tobi hatte den Tag auf dem Sofa verbracht und gebrütet. Wir hatten beide schon was getrunken. Bevor es weiterging, öffnete ich noch zwei Bier. Dann inspizierten wir alles, was als Dekoration geeignet schien. Wir hatten eine elektrische Lichterkette, die augenblicklich den Pappaufsteller aus Tobis Laden umrahmte. Der Pappaufsteller zeigte einen sehr populären Krimiautor, dessen Thriller Rekordauflagen erzielten.

Leider wurden diese Rekordauflagen nicht in Tobis Buchladen verkauft. Seine mahnende Gegenwart, auch als Pappaufsteller hatte etwas Ironisches und auch Selbstquälerisches, jedenfalls für Tobi. Als sein Buchladen in der kleinen Stadt am Harzrand offiziell schloss, war er zu mir geflüchtet, in das alte Haus hier oben am Rand des Nationalparks, wo er wirklich niemandem begegnen konnte, den er aus dieser Episode kannte.

Das Haus war ein Harzer Fachwerkhaus, alt, zugig und mit knarrendem Fußboden. Ich hatte es sehr günstig mieten können, bewohnte aber nur das Erdgeschoss, weil es viel zu groß für mich war und es unmöglich war, auch das obere Stockwerk zu heizen. Mit Tobi konnte ich den Platz jetzt ausnutzen. Zum Heizen nutzten wir so oft wie möglich den alten Ofen und den Holzstapel an der Hauswand. Ich wusste, das war ok. Klaus, der Vermieter war einverstanden.

Klaus war ein alter Sack von unbestimmbarem Alter. Er erzählte mir beim Einzug, er habe früher selbst noch im Bergbau im Harz gearbeitet, habe dann aber umgesattelt. Worauf, das ließ er offen. Er musste mindestens siebzig sein. Oder achtzig. Schwer zu sagen. Das Haus hatte er von seiner älteren Schwester geerbt und verfluchte es mit deutlichen Worten so oft er bei uns vorbeikam.

Wir nahmen die Lichterkette, die letzten Dekosachen aus dem Buchladen, einen Werbe-Flaschenöffner von Clausthaler, einen glänzenden Schraubenschlüssel, einen alten Todesstern und diverse Star-Wars-Figuren von Lego. Dazu kamen ein paar alte Küchengeräte, die sich in einer Schublade fanden. Mit Draht befestigten wir alles an den unteren Zweigen. Dazu tranken wir noch ein Bier.

Ich sagte „Das sieht alles noch etwas mager aus.“ Tobi sagte „Weißt du, wie man dieses Harz von den Fingern abkriegt?“ „Wir müssen noch etwas machen.“ „Vielleicht mit Waschpaste. Hast du Waschpaste?“ „Mit Silberlack. Ja, habe ich auf der Arbeit.“ „Und was machen wir?“ „Wir nehmen Bierdosen.“

Ich breitete auf der Terrasse die Seiten einer deutschen Qualitätstageszeitung aus und wir holten die leeren Bierdosen. Ich hatte noch silberne Sprühfarbe, die ich in Göttingen mal für mein Fahrrad benutzt hatte, als ich noch studiert hatte. Das Rad war alt gewesen und auf diese Weise habe ich es immer sofort im Gewühl wiedergefunden.

Wenn man bedenkt, dass noch Pfand auf den Dosen war, haben wir gut und gern 4 Euro in Weihnachtsdeko investiert. Tobi sprühte sich auf die harzigen Finger. Das Zeug ging nicht ab und er jammerte, wie bescheuert das aussieht. Er schrubbte eine Viertelstunde an seinen Händen herum, was einen schönen Farbton von Altsilber erzeugte. Dann legte ich „The Great Rock‘n Roll Swindle“ von den Sex Pistols auf und wir tranken noch mehr Bier.

„Weißt du, welche Platte noch gefehlt hätte?“, fragte Tobi, „Weihnachten mit den Sex Pistols, das wär´s echt gewesen, so mit Cover-Versionen von Jingle Bells und White Christmas.“ „Du spinnst ja, Silberfinger“, sagte ich. Gegen elf fand Tobi, dass die Dosen jetzt getrocknet sein mussten. Wir sammelten sie auf und befestigten auch sie am Baum. Danach waren Tobis Finger vom Fichtenharz noch verklebter und wir beide betrunken.

Der nächste Tag war zum Glück ein Samstag. Wir schliefen aus. Im fahlen Licht des späten Dezember-Vormittages bewunderten wir nach dem ersten Kaffee unser Werk. Es war sehr schön. Während wir uns noch mühten, unsere Freude in Worte zu kleiden, bemerkte ich eine schnelle Bewegung aus dem Augenwinkel. In wenigen Sekunden stand eine mittelalte Nachbarin am Zaun, die ich nur vom Sehen kannte. Sie wohnte in unserer Straße, einige hundert Meter weiter unten, dort wo die geschlossene Bebauung lag.

„Sie haben Bierdosen in dem Baum hängen“, sagte sie. Das stimmte und deshalb konnte ich nur nicken. „Kann man denn zur Adventszeit Bierdosen in Bäume hängen?“ fragte sie, als keine Antwort kam. Ich zögerte und sagte dann „Naja, geht, wie man sieht. Mit Draht. In diesem Fall silberne Bierdosen.“ Pause. „Aber Gold ginge sicher auch. Oder Rot.“

„Aber es ist doch Weihnachten“, sagte die Frau und ich hatte den Eindruck, dass wir nicht über das gleiche Thema sprachen. „Das Jesuskindlein hatte bestimm auch nicht viel Deko um sich herum, als es zur Welt kam“, gab ich zurück. Ich fand das Argument gut. Ich habe meine Momente. Jedenfalls drehte die Frau sich auf dem Absatz um und ging.

Am Sonntag kamen Hamid und Klaus. Nacheinander. Hamid stand am Vormittag vor der Tür. Er war Syrer und nach seiner Flucht durch die bürokratischen deutschen Prozesse zu uns in den Harz gekommen. Er lernte gerade verbissen Deutsch und wir mussten immer reden, wenn er da war.

Wenn er uns besuchte, fragte ich mich immer, wie sich wohl der Kontrast zwischen dem nahöstlichen Syrien und dem Harz anfühlte. Sonne und Hitze dort, Nebel, Regen und grauer Himmel hier. Naja, jedenfalls oft. Der Sommer war ja auch hier eher heiß. Aber das ist ein anderes Thema. „Was mache ich hier?“ fragte Hamid immer. Er war Museumsführer in einem Museum für moderne Kunst in Damaskus gewesen, erzählte er. Er hatte uns auf seinem Handy Bilder von damals gezeigt. Er stand vor einem Bild, das irgendwie an Picasso erinnerte, mit einem uniformähnlichen Anzug und einem beeindruckenden Vollbart.

„Ich habe geliebt, Menschen über Kunst zu erzählen“, sagte er. „Das war mein Leben. Was mache ich jetzt hier?“ Zugegeben, ich konnte mir keinen Ort ausdenken, der weniger moderne Kunst aufwies als unser Dorf am Rande des Nationalparks. Hamid war auf ziemlich abenteuerlichen Wegen hierhergekommen. Manchmal machte er Andeutungen und ich wollte diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Der Bart auf den Fotos hatte etwas Beeindruckendes, aber auch sehr Orientalisches. War er vielleicht doch ein heimlicher Islamist? Zum Glück hatte er schon mehrfach Bier und Wein mit uns getrunken. Das schien mir erst einmal für Entwarnung zu sprechen. Wahrscheinlich war er eher Kubist oder Impressionist oder so etwas.

Später kam auch Klaus vorbei. „Mein lieber Scholli, die ist aber sauer gewesen“, sagte er zur Begrüßung. Er erzählte von der Nachbarin, die ihn auch angesprochen hatte. Ich war nicht ganz bei der Sache und konnte nur mit ein paar milderen Beleidigungen für die Engstirnigkeit der Frau antworten.

Das Versilbern von ein paar alten Karnevalsorden aus dem Nachlass meines Onkels erforderte Konzentration, damit ich mir nicht auch Finger lackierte wie Tobi. Klaus meinte, wir sollten es nicht übertreiben, spendete dann allerdings selbst ein paar alte Dichtungsringe, die ich auch gleich verarbeitete. Hamid stand vor dem Baum und machte ein Foto für ein Facebook-Posting.

In den Tagen vor Heiligabend regnete es ununterbrochen. Abends saßen Tobi und ich in der Küche und betrachteten die dunkelgraue Harzlandschaft. Erst am 23. klarte es auf und es schien die Sonne. Unser Baum war zugeschmuddelt. Ich ging mit einem Lappen raus und putzte unseren Schmuck ab. Ich hatte zum Glück schon frei.

Tobi holte zwei Campingklappstühle aus dem Schuppen und dann legte ich ein Feuer im Feuerkorb an. Der Korb war, wie man deutlich sah, die Einlage eines Gullydeckels, feuerverzinkter Stahl, bestens für diesen Zweck geeignet. Wie er hierher kam, war unklar. Später machte ich dann noch ein Like bei Hamids Post. Der Baum sah auf dem Foto sehr schön aus im Abendlicht, allerdings hatte Hamid auf Arabisch geschrieben. Ich denke aber, der Text war OK.

Am Morgen des 24. fand ich in meinem Kulturbeutel ein paar Kondompackungen. Die Folie glänzte so schön, dass ich beschloss, sie noch hinzuzufügen. Der weihnachtliche Satz „Ihr Kinderlein kommet“ konnte durchaus ein wenig ironische Brechung erhalten.

Als ich mit dem Draht in der Hand vor der Fichte stand, kam die Nachbarin wieder vorbei. Sie sah, was ich vorhatte und steuerte mit einem Schritt auf mich zu, der für meinen Geschmack zu energisch war. „Das geht wirklich zu weit“, hörte ich noch – und ich gebe zu, auch mir kamen in diesem Moment Zweifel. Was wäre, wenn fehlgeleitete Teenager den Schmuck abnahmen, um ihn zu benutzen? War ich dann verantwortlich für das Funktionieren? Das deutsche Recht ist da manchmal unübersichtlich.

Bevor ich meine Zweifel äußern konnte, kam in rasender Geschwindigkeit ein Enduro-Motorrad die steile Straße hinab, fegte dicht an unserem Zaun vorbei, durchquerte mit großem Schwung eine Pfütze und überschüttete mich und die Nachbarin mit einem enormen Schwall an schmutzigem Wasser.

Der Motorradfahrer verschwand hinter der Kurve. Wir standen uns gegenüber und glotzten uns an. Ich räusperte mich und sagte dann so etwas wie „Tja, äh, wollen Sie sich vielleicht etwas säubern?“ Die Nachbarin nickte wortlos und wir gingen ins Haus.

Ich zeigte ihr das Badezimmer und gab ihr ein großes Handtuch. Ich hörte, wie sie sich auskleidete, dann streckte sie den Kopf durch den Türspalt. Sie schaute etwas irritiert und ich ahnte, was sie meinte. Ich gab ihr meinen Bademantel. Dann putzte ich mich provisorisch am Küchenwaschbecken und zog mir meinen Pyjama an, da ich gerade nichts anderes griffbereit hatte.

Als sie herauskam, bot ich ihr einen Kaffee an. Während ich an der Spüle stand und Wasser in die Kanne ließ, klopfte Hamid an die Hintertür, die in den Garten führte. Ich ließ ihn herein. Er hatte einen Schmuckanhänger für den Baum dabei, ein ‚Auge der Laila‘ aus blauem Glas. Er sah die Nachbarin im Bademantel und sagte kein Wort.

Dann klopfte es vorn. Es war Klaus. „Wie ich sehe, habt Ihr euch schon vertragen.“ Er ließ sich schnaufend nieder. Kaffee wollte er nicht, deshalb setzte ich Glühwein auf. Die Nachbarin wollte etwas Stärkeres und ich gab ihr etwas von dem Schierker Feuerstein, der noch herumstand. Nach dem dritten Glas erzählte sie ein paar unterhaltsame Anekdoten von ihrem missratenen Enkel.

Später kam Tobi auch dazu und fiel über den Glühwein her. „Wir könnten ja auch eine Punkband gründen. Irgendwas mit Harzbezug. ‚Die Borkenkäfer` oder so“, murmelte er mit nicht ganz deutlicher Aussprache. Hamid rührte in seinem Glühwein herum und sagte mehrmals „Was mache ich hier?“ Klaus schnarchte in einem Lehnstuhl. Wenn jemand einen Tipp hat, wie man Fichtenharz mit Sprühlack von den Fingern bekommt, Tobi wäre für eine Info dankbar. Nach den Feiertagen.

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