Die neue Lust am Körper

Feuchtgebiete: Wie Charlotte Roche Feminismus macht, ohne ein Pamphlet vorzulegen (erschienen in Thüringer Allgemeine, Feuilleton)

Wäre Charlotte Roche Sängerin, hieße sie Madonna. Die Texte sind provokant, detailverliebt und gaukeln psychologische Tiefe vor. Und sie funktionieren eigentlich nur in Clipform.

Madonna ist keine Schauspielerin und wird wohl nie auf der großen Leinwand Erfolge feiern, vergleichbar mit ihrer Karriere als Popkönigin und Vorreiterin in Sachen Clipkultur. Was sie sagt, ist prägnant und stichhaltig, wenn es komprimiert in der Sprache des Pop erscheint, ist es meisterhaft. Nun hat Charlotte Roche ihre Karriere auch im Popbiz vorangebracht, wurde bekannt als Moderatorin bei Viva Zwei. Pop ist ihr Metier, die Kürze ihre Stärke, nicht der Roman. Eben jenen hat sie jedoch vorgelegt und mit „Feuchtgebiete“ den Überraschungshit der Literatur-Frühjahrs.

Das knallpinkfarbene Büchlein ist mehr seine Autorin als ein eigenständiges Werk. Nein, „Feuchtgebiete“ ist kein literarisches Meisterwerk, wohl aber hat es seine starken Momente. Wenn Protagonistin Helen Memel sagt: „Ich will wirklich, seit ich denken kann, ein Kind haben. Es gibt aber bei uns in der Familie ein immer wiederkehrendes Muster.“ Alle sind nervenschwach und unglücklich. Helens Konsequenz: „Dieses Jahr bin ich achtzehn geworden und habe schon lange drauf gespart. Einen Tag nach meinem Geburtstag, sobald ich ohne Erlaubnis der Eltern durfte, habe ich mich sterilisieren lassen.“ Helen herrscht über ihren Körper. Sie erforscht ihn, vergöttert ihn und herrscht.

Roches Anliegen ist hinlänglich bekannt, seit sie mit ihrem Bestseller medial omnipräsent ist. „Feuchtgebiete“ ist ein Pamphlet gegen die Geißelung des weiblichen Körpers, gegen Überhygiene und Rasurzwang. Es sind originäre Themen des Feminismus, die Roche aufwärmt. Es gab de Sade, der sich mit Ekelpornografie einen Namen machte. Es gab de Beauvoir, die dem Feminismus ein Verständniswerk lieferte. Es gibt Jelinek, die „Lust“ schrieb und das ganze Antiporno nannte. Charlotte Roche hat nichts geschrieben, was es nicht schon gab. De Sade ist ekliger, de Beauvoir kritischer, Jelinek  ist politischer.

Doch Roche übersetzt den Feminismus in die Sprache des Pop, das ist ihre große Leistung. Sie ist nah an jungen Menschen, sie erzählt eine Geschichte über Familien, wie sie härter und zeitgemäßer kaum sein könnte. „Gedanken weg vom Po. Hin zur Familie.“ Das schreibt sie gegen Ende des Buches und bietet damit zugleich eine Lesart für ihren Text. Roche könnte zu einer Ikone eines modernen Feminismus werden, dessen neue Bibel „Feuchtgebiete“ nie sein wird. Ein umfassendes Pamphlet muss dazu nicht her, denn Performance lautet die neue Losung.

Heißt es im Puff eigentlich weiblicher Freier oder Freierin? Solche Fragen stellt Roche. Völlig zu Recht.

One comment on “Die neue Lust am Körper

  1. Sehr gut kommentiert, habe das Buch nie fertig gelesen, aber ich denke, dass es sich lohnt, bis zum nächsten Artikel wünscht viel Erfolg, GB

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