Schweigend Verstehen

Lost in Translation, USA / Japan 2003, Sofia Coppola

Sprache ist Welt. Welt ist Sinn.

Wenn der US-Filmstar Bob durch Tokio streift ohne ein Wort zu verstehen, dann ist das tragikomisch. Komisch, weil sein versteinertes Gesicht auf die expressive, lächelnde Sprache der Japaner prallt. Tragisch, weil es einen vollkommenen Sinnverlust für ihn bedeutet. Isoliert von seiner Familie, seinem gewöhnlichen Arbeitsumfeld, seiner Kultur und seiner Sprache ist er gezwungen, die ewige Frage des Seins zu stellen: Wer bin ich? In mimetischen Posen schwebt er irgendwo zwischen Sinatra, Dean Martin und Roger Moore. Die Fremde der Stadt spiegelt dabei nur seine Fremde zu sich selbst wider. Im Fernsehen sieht er seiner synchronisierten Fassung zu, einem Spiegelbild, das er nicht verstehen kann.

In Tokio verfällt er in einen Zustand der Schwebe, nicht wach, nicht schlafend, nicht glücklich, nicht unglücklich, nicht allein, nicht gemeinsam. Richtungsloses Irren, das zeigt uns schon sein Name, Bob, der selbst vorwärts und rückwärts gelesen werden kann. Erkenntnis ist in dieser Welt der Sprachlosigkeit von vornherein unmöglich. Intensives Erleben, das Spiel mit dem Moment kann die einzige Orientierung sein. Seine Gefährtin auf dieser Suche ohne Ziel ist die junge Ehefrau Charlotte. Beide blicken sie aus dem Hotelzimmer von oben auf die riesige Stadt und erleben einen Moment der Stärke und der Machtlosigkeit zugleich, denn die Fremde ist gleichermaßen bedrückend und befreiend. Verstehen ist immer sprachlich, Selbstverständnis nicht.

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