Natascha Kampusch: das Mädchen, das kein Opfer sein will

Wenn sie spricht, dann stets ganz ruhig und überlegt. Sie nimmt sich viel Zeit, um über jeden einzelnen ihrer Sätze nachzudenken. Sie ist klug. Und sie ist undurchschaubar.

Diese Woche hat Natascha Kampusch den Film „3096 Tage“, der auf ihrem Buch und ihrer Geschichte basiert, vorgestellt.  Jetzt sind vorerst alle Termine abgesagt, denn ihr Vater hat – Achtung: perfektes Timing – ein eigenes Buch herausgebracht, in dem er weite Teile ihrer Geschichte anzweifelt. Unvorstellbar. Nach scharfer öffentlicher Kritik über die gesamten letzten Jahre geht nun auch ihr eigener Vater hart gegen sie vor. Doch warum wird sie stets kritisiert? Ihre Geschichte, ihr Martyrium, stets in Zweifel gezogen?

Natascha Kampusch ist nicht lange nach ihrer geglückten Flucht selbst an die Öffentlichkeit gegangen und hat Interviews gegeben. Sie sprach ruhig und überlegt über das, was ihr passiert ist. Die Welt fragte: Wieso geht sie mit dieser Leidensgeschichte vor die Kamera? Man spekulierte, kritisierte, mutmaßte.

Doch was die Menschen wirklich so irritiert, ist, glaube ich, dass sich Natascha Kampusch von vornherein und konsequent dagegen entschieden hat, ein Opfer zu sein. Sie hat sich nicht in die Rolle des bemitleidenswerten Mädchens begeben, von dem es nur hier und da ein Paparazzo-Bild gibt und das schweigt, weil es alles in Ruhe verarbeiten muss.  Sie hat mündig entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen und preiszugeben, was sie preisgeben möchte. Nicht mehr. Nicht alles. Sie hat gezielt und abwägend gehandelt und stets die Kontrolle behalten. Sie hat nicht gewartet bis ihr Schicksal in einem Roman Widerhall findet, den ein anderer geschrieben hat. Und hat selbst geschrieben. Sie hat nicht gewartet bis ein Film, der Motive ihrer Geschichte aufgreift, gedreht wird. Sie brachte selbst einen auf den Weg. Sie hat stets gesteuert, was die Welt wissen darf, was sie wissen soll.

Schranken gestehen wir einer Person, die selbst in die Öffentlichkeit geht, jedoch nicht zu. Wenn sich jemand entblößt, dann bitteschön ganz. Indes: Jemand, der so klug auswählt, was die Welt wissen darf, wie Natascha Kampusch, ist in Zeiten von Facebook und Twitter nicht nur ein Exot, sondern weckt in einer Welt, die den Anspruch auf totale Transparenz erhebt, ein Unbehagen. Doch was spricht dagegen, nur dies von sich zeigen zu wollen und nicht jenes? Ist nicht jede mediale Repräsentation eine selektive Inszenierung?

Bei Natascha Kampusch kann es auch ein Stück weit Therapie sein. Ein Auseinandersetzen mit der eigenen Geschichte. Möglicherweise bietet gerade die Öffentlichkeit – das mag zunächst paradox erscheinen – einen gewissen Schutz.  Zumindest Distanz, die es ihr erlaubt, auf eine sehr intellektuelle Weise über das Erlebte nachzudenken. Bühnen können Schutz bieten. Sie bieten die Möglichkeit, sich gesteuert, quasi mit Drehbuch, mit schwierigen Themen zu befassen. Und sie bieten Selbstvergewisserung. Wo sonst kann ich mir der eigenen Stimme besser bewusst werden, wenn nicht auf der Bühne, wo sie laut und deutlich einen ganzen Zuschauerraum durchdringt? Natascha Kampusch kann sich womöglich – das ist nur eine Hypothese – mittels medialer Bilder vergewissern, dass sie noch da ist, dass es sie wirklich gibt. Und dass sie eine eigenständige Person ist. Denn das hätte sie in ihrem Kellerverließ vielleicht fast verloren.

Natascha Kampusch ist der Öffentlichkeit auch deshalb suspekt, weil sie sich nicht einordnen lässt. Und gerade die Medien brauchen Raster und Kategorien zur Berichterstattung. Doch Kampusch weigert sich vehement, sich in die Opfer-Schublade pressen zu lassen. Das erzeugt Reibung: Sie will nicht Komplize der Medien sein.

Umso schwerer wiegt das, weil in ihrem Fall ohnehin schon ein Täter fehlt. Wolfgang Priklopil hat sich nach Natashas Flucht selbst umgebracht. Er entzog sich damit nicht nur der Rechtsprechung, sondern auch der medialen Aufarbeitung des Falls. Denn die Öffentlichkeit braucht einen, den sie hassen, den sie verurteilen kann. Im Fall Kampusch war da immer eine Leerstelle. Das setzt natürlich eine gewisse Dynamik in Gang: Plötzlich ist da Platz für einen öffentlichen Schurken. Und da tritt die selbstbestimmte junge Frau auf den Plan, die nicht länger andere über sich bestimmen lassen will. Auch nicht Journalisten, auch nicht die Öffentlichkeit, auch nicht ihre Eltern. Ein undurchdringbares Gemenge entsteht. Der Fall wirkt undurchsichtig wie seine Protagonistin.

Unmöglich, hinter dieses öffentliche Bild Natascha Kampusch zu schauen. Vielmehr ist das öffentliche Interesse am Fall ein neueres Plädoyer für den tief verwurzelten Voyeurismus in der modernen Informationsgesellschaft und ein Indiz dafür, dass kategorisches Denken wahrscheinlich niemals einer Geschichte gerecht wird.

7 comments on “Natascha Kampusch: das Mädchen, das kein Opfer sein will

  1. Mann o Mann, das reißt mich fast vom Hocker, so gut könnte ich mein Entsetzen, meine Wut, meine Unverständnis nicht ausdrücken, den Weg des Ausdruckes, einfach genial, herzliuch Erika!

  2. Kluge Analyse, sehr gute Argumente, eine nachvollziehbare Sichtweise. Las den Text mit großen Interesse. Gefällt mir gut. Es stimmt: Natascha Kampusch passt in kein Raster. Woher nimmt sie die Kraft, so offensichtlich wohlüberlegt in und mit der Öffentlichkeit zu agieren? Was macht es mit ihr? Wir – die Voyeure – beobachten und schauen dennoch nicht hinter die Fassade.

  3. I tend not to create a ton of comments, however I looked at
    a great deal of comments on Natascha Kampusch: das Mädchen, das kein Opfer sein will | Teresa Urban.
    I do have a few questions for you if it’s allright. Could it be just me or do some of these comments come across as if they are coming from brain dead individuals? 😛 And, if you are posting on other online social sites, I’d like to keep up
    with you. Could you list of every one of your
    shared sites like your Facebook page, twitter feed, or linkedin profile?

  4. Hello There. I found your blog using msn. This is a really well written article.
    I’ll be sure to bookmark it and come back to read more of your useful information.
    Thanks for the post. I will definitely comeback.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.